{"id":3089,"date":"2019-05-21T10:49:15","date_gmt":"2019-05-21T09:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/parkster.de\/?p=3089"},"modified":"2019-05-21T12:43:18","modified_gmt":"2019-05-21T11:43:18","slug":"und-niemand-im-dorfe-hat-etwas-gesehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rechtschreipunk.de\/?p=3089","title":{"rendered":"&#8230; und niemand im Dorfe hat etwas gesehen"},"content":{"rendered":"<p><em>(Das folgende Gedicht war mein Beitrag im Halbfinale 3 des Bayernslam 2019 in Erlangen. Aufgrund mehrfacher Nachfragen und aktueller Lage ver\u00f6ffentliche ich ihn hier. Eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Verbreitung w\u00e4re wohl in unser aller Sinne.)<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/parkster.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Village-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" \/><\/p>\n<p><strong>&#8230; und niemand im Dorfe hat etwas gesehen<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Das Dorf liegt am Waldrand und alles ist still.<\/em><br \/>\n<em>Ein Wolf streunt durch\u00b4s Unterholz, weil er es will.<\/em><br \/>\n<em>Er schl\u00e4gt einen Hasen, um den ist\u00b4s geschehen<\/em><br \/>\n<em>und niemand im Dorfe hat etwas gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Kaum sehr lange sp\u00e4ter, der M\u00fcller sich reckt.<br \/>\nEin Sonnenstrahl durchs Fenster, der hat ihn geweckt.<br \/>\nDer Tag beginnt m\u00fcde, das Aufstehen f\u00e4llt schwer,<br \/>\nf\u00fcr ihn steht es fest: &#8222;Jo! Ein Kaffee muss her.&#8220;<br \/>\nSo torkelt er schlaftrunken durch sein Quartier,<br \/>\nf\u00fcllt den Kochtopf mit Wasser, holt Filterpapier,<br \/>\ndann l\u00f6ffelt er Kaffee in den Filter zu Hauf,<br \/>\nund als letztes kommt kochendes Wasser darauf.<\/p>\n<p>Als das Wasser so langsam im Filter versickert,<br \/>\ndenkt der M\u00fcller bei sich, dass er schon ziemlich Gl\u00fcck hat.<br \/>\nSeiner M\u00fchle geht\u00b4s pr\u00e4chtig, er hat sehr viel zu tun,<br \/>\nmanchmal bleibt ihm sogar nur der Sonntag zum Ruh\u00b4n.<br \/>\nEtwas Hilfe, da die k\u00e4me ihm gerade sehr Recht,<br \/>\ngrad beim Schleppen der Mehls\u00e4cke w\u00e4r das nicht schlecht,<br \/>\ndoch es findet sich niemand im Dorfe zur Zeit,<br \/>\nder f\u00fcr derartige Arbeit gewillt und bereit.<\/p>\n<p>So schuftet er weiter, tagein und tagaus,<br \/>\nbringt Getreide zur M\u00fchle und Mehls\u00e4cke raus.<br \/>\nF\u00e4hrt sie r\u00fcber zum B\u00e4cker, der Brotteig daraus knetet<br \/>\nund das Brot an den Pfarrer verkauft, der stets betet,<br \/>\ndass die Idylle des Dorfes gar ewiglich f\u00e4hrt<br \/>\nund niemand den Frieden des Lebens hier st\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Das Dorf liegt in Ruhe, und alles ist still.<br \/>\nDer Wolf streunt durchs Unterholz, weil er es will.<br \/>\nEr rei\u00dft sich ein Rehkitz, um das ist\u00b4s geschehen<br \/>\nund niemand im Dorfe hat etwas gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Auch im Dorf f\u00e4ngt der Tag an, das Leben kehrt ein.<br \/>\nEin Hahn kr\u00e4ht zum Morgen, ein Kind h\u00f6rt man schreien.<br \/>\nEs \u00f6ffnen sich T\u00fcren, heraus treten Leute,<br \/>\nman gr\u00fc\u00dft sich, ist h\u00f6flich, so macht man das heute.<br \/>\nMan lebt hier schon lange, man wei\u00df wer wo wohnt.<br \/>\nHat manch freundliche Nachbarschaftshilfe belohnt<br \/>\nmit \u00b4nem Grillfest, wo\u00b4s Dorf und der Waldrand sich k\u00fcssen.<br \/>\nWer Gemeinschaft so kennt, will sie nie wieder missen.<\/p>\n<p>So auch heute und zum Feste erscheinen der B\u00e4cker,<br \/>\nder Gastwirt, der Metzger und auch der Dachdecker.<br \/>\nDie Schreinergesellen, die sonst M\u00f6bel herstellen,<br \/>\nsieht man eiligen Schrittes sich am Bierstand anstellen,<br \/>\nwo die Tochter des Schankwirts die Humpen mit Bier f\u00fcllt,<br \/>\ndass es durstigen M\u00e4nner, die Alkoholgier stillt,<br \/>\nals der M\u00fcller ganz pl\u00f6tzlich ein wenig erschrickt,<br \/>\nweil den Wolf er im Dickicht am Waldrand erblickt.<\/p>\n<p>Einen Augenblick lang, sehen beide sich an,<br \/>\nAug in Aug, augenblicklich wird dem M\u00fcller ganz bang,<br \/>\ndenn die Augen des Raubtiers sind eisig und kalt,<br \/>\nda verschwindet der Wolf in den Tiefen des Walds.<br \/>\nDas Gef\u00fchl jedoch, das er im M\u00fcller erweckt,<br \/>\nbleibt bei diesem noch einige Stunden zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Die D\u00f6rfler sie feiern, mit Tanz und Gesang.<br \/>\nDer Wolf schleicht ums Dorf, denn die Gier treibt ihn an.<br \/>\nEr rei\u00dft Sch\u00e4fers Schafe, um die ist\u00b4s geschehen<br \/>\nund niemand im Dorfe hat etwas gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Zum Fest kommt ein Fremder, den niemand hier kennt,<br \/>\ndie Schuhe zerlumpt, ziemlich dreckig das Hemd.<br \/>\n\u00bbGuten Tag, werte Leute\u00ab so h\u00f6rt man ihn sagen,<br \/>\n\u00bbaus dem Nachbardorf komm ich und wollte mal fragen,<br \/>\nob ihr Obdach und Arbeit habt, f\u00fcr einen Fremden.<br \/>\nBin nicht dumm, bin nicht schwach, ob mit Kopf oder H\u00e4nden,<br \/>\nich kann vielf\u00e4ltig n\u00fctzlich sein, brauche nicht viel.<br \/>\nGut und friedlich zu leben, das ist hier mein Ziel!\u00ab<\/p>\n<p>Man guckt und be\u00e4ugt. Von Fremden h\u00f6rt man ja oft.<br \/>\nUnd ganz ehrlich, man hatte stets heimlich gehofft,<br \/>\ndass es noch lange dauert, bis man hier einen sieht,<br \/>\ndenn der Wirt hat geh\u00f6rt, was dann alles so bl\u00fcht:<br \/>\n\u00bbIch kenn wen\u00ab fl\u00fcstert er \u00bbder wen kennt, der wen kennt,<br \/>\nder geh\u00f6rt hat, dass Fremde meist ansteckend sind!\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum kommt der zu uns?\u00ab \u00bbUnd was f\u00fchrt er im Schild?\u00ab<br \/>\nMangels Offenheit zeichnet die Skepsis das Bild.<\/p>\n<p>Nur einer der D\u00f6rfler, der l\u00e4chelt und nickt.<br \/>\n\u00bbMein Freund, dich hat mir der Himmel geschickt.<br \/>\nIn der M\u00fchle gibt\u00b4s Arbeit, fang morgen gleich an!<br \/>\nKomm setz dich zu mir und erz\u00e4hle mir lang<br \/>\nund auch breit, wie Du hei\u00dft und ein wenig von Dir<br \/>\nals Dein Lohn f\u00fcrs Erz\u00e4hlen, spendier ich ein Bier!\u00ab<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Das Dorf feiert weiter, dann geht man nach Haus.<br \/>\nDie Nacht zieht herein und die Lichter gehen aus.<br \/>\nDen W\u00e4chter, der begann seine Runde zu drehen,<br \/>\nf\u00e4llt der Wolf an, doch niemand hat etwas gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Seit knapp einem Monat, lebt der Fremde beim M\u00fcller,<br \/>\nden die D\u00f6rfler jetzt meiden. Tritt er ein, wird es stiller.<br \/>\nEs verstummen Gespr\u00e4che, die grad lautstark gef\u00fchrt,<br \/>\nalles blickt still zu Boden, wirkt peinlich ber\u00fchrt,<br \/>\ndenn der Pfarrer, der h\u00f6rte, also ist es wohl wahr,<br \/>\ndass der Fremde und der M\u00fcller seit kurzem ein Paar.<br \/>\nSie fr\u00f6nten in der M\u00fchle der s\u00fcndigen Lust<br \/>\nund der Wirt sagt \u00bbIch habe es schon immer gewusst!\u00ab<\/p>\n<p>Auch Pech bringt der Fremde, das ist allen klar.<br \/>\nLetzten Monat war\u00b4s Leben noch ganz wunderbar,<br \/>\ndoch seit er hier erschien, ist so manches passiert,<br \/>\nwas manch einen im Dorfe doch ziemlich schockiert:<br \/>\nDer Sch\u00e4fer sagt w\u00fctend \u00bbAll meine Schafe sind tot,<br \/>\nmit der Ankunft des Fremden, da kam auch die Not!\u00ab<br \/>\nDer J\u00e4ger klagt laut, dass kein Wild mehr im Wald,<br \/>\nauch Schicksal des W\u00e4chters l\u00e4sst niemanden kalt.<\/p>\n<p>Nur der M\u00fcller versteht\u00b4s nicht. \u00bbFreunde, was soll dieser Mist?<br \/>\nIhr erkennt doch wie ich, was hier Ursache ist.<br \/>\nNicht der Fremde ist schuld, nein vom Wolf droht Gefahr<br \/>\nund wir m\u00fcssen uns wehren, er ist schon l\u00e4ngst da!\u00ab<br \/>\nEr findet zwar Worte, doch bei keinem Geh\u00f6r,<br \/>\ndenn Vernunft hat es gegen die Angst meistens schwer.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Im Dorf kippt die Stimmung und nichts mehr ist still.<br \/>\nDer Wolf l\u00e4chelt b\u00f6se, es kam wie er\u00b4s will.<br \/>\nEr t\u00f6tet die Hunde, um die ist\u00b4s geschehen<br \/>\nund niemand im Dorfe hat etwas gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Denn es ziehen mit Mistgabeln und Fackeln in Flammen,<br \/>\ndie D\u00f6rfler zur M\u00fchle, den Fremden zu fangen.<br \/>\nDer M\u00fcller versucht seinen Freund noch zu sch\u00fctzen,<br \/>\nk\u00e4mpft mit Worten und F\u00e4usten, doch es will ihm nichts n\u00fctzen.<br \/>\nDie S\u00f6hne des Schusters, die zerren und ziehen<br \/>\nund schleifen den Fremden zum Marktplatz auf Knien,<br \/>\nwo diesem beim Anblick dessen was da steht graut,<br \/>\nden der Tischer, hat einen Galgen gebaut.<\/p>\n<p>\u00bbIch bitte euch um Gnade, war niemals ein Feind,<br \/>\nwollte Teil eures Dorfs sein, ein Nachbar, ein Freund!\u00ab<br \/>\nfleht der Fremde, doch der Schmied schl\u00e4gt ihn hart in die Rippen<br \/>\nund mit dem Schlag verstummt auch das Flehen und Bitten.<br \/>\nMan legt ihn in Ketten, an F\u00fc\u00dfen und H\u00e4nden,<br \/>\nzieht einen Sack \u00fcbern Kopf und dann h\u00e4ngt man den Fremden.<br \/>\n\u00bbAls Warnung f\u00fcr andere, die auch hierher kommen!\u00ab<br \/>\npredigt der Pfarrer am Sonntag, zu den Braven und Frommen.<\/p>\n<p>Der Wolf zieht den Kreis eng, kommt n\u00e4her und n\u00e4her.<br \/>\nIm Dorf k\u00fcmmert\u00b4s keinen, man braucht keine Sp\u00e4her.<br \/>\n\u00bbAch der Wolf, ja der Wolf, nein, den gibt es hier nicht<br \/>\ndass der Wolf uns bedroht, das sind alles Ger\u00fcchte.\u00ab<br \/>\nMan verkennt, ignoriert, alle Opfer des Tiers,<br \/>\nIsegrimm rei\u00dft derweil Bauers pr\u00e4chtigsten Stier.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Im Dorf herrscht jetzt Stille, die Stra\u00dfen sind rot.<br \/>\nDer Wolf fra\u00df die B\u00fcrger und alle sind tot.<br \/>\nWer sich fragt \u00bbWarum lie\u00dfen sie\u00b4s einfach geschehen?\u00ab<br \/>\ndem sei gesagt \u00bbSie wollten die Wahrheit nicht sehen.\u00ab.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wenn\u00b4s in K\u00fcrze zur Wahl geht, w\u00e4hlt mit Sinn und Verstand,<br \/>\ndenn das Schicksal des Dorfs, liegt in euer Hand.<br \/>\nSchw\u00e4cht den Wolf, jagt ihn fort oder lasst ihn erstarken,<br \/>\ndoch vergesst dabei nie&#8230;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">&#8230; manche Kreuze haben Haken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Das folgende Gedicht war mein Beitrag im Halbfinale 3 des Bayernslam 2019 in Erlangen. 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