Was sagt man zu so einem Wochenende?
Den Hanz mag ich, wie erwähnt, sehr gerne und wenn er anruft und fragt, ob ich nicht bei einem seiner Slams auftreten möchte, dann folge ich diesem Ruf meist ohne größere Bedenken. Und dann passierte am Wochenende Aalen.
“Aalen ist eine Stadt, wo der Slam großartig ist” hört man andere Poetry Slammer schwärmen, die schon in den Genuss eines Auftritts in Aalen gekommen sind. “Zweihundert Leute kommen da und gehen ab, wie Schnitzel!” meinte Hanz irgendwann mal. Dummerweise war der Slam am Wochenende nicht der normale, sondern ein Teil des Programms des “Double-A-Festivals”. Ahja… – nie gehört.
Das Double-A-Festival ist ein, von ehrenamtlichen Helfern organisiertes Hiphop-Fest dieses Jahr sollten halt auch noch ein paar Slammer “die Peoplez” anheizen. Was schwierig war, denn die Menge der Zuschauer beim Slam waren kompakte sechs Leute, von denen keiner über 14 war. Es bot sich mir das traurigste Bild eines “Slams”, das ich in bisher fünf Jahren sehen durfte:
“Ach, ihr kommt überhaupt nicht alle aus Stuttgart mit einem Auto? Na dann wird das mit den Fahrtkosten schwierig, ich hab nur 100 Euro insgesamt.” oder auch “Ihr tretet nicht um 13:30 Uhr auf, da spricht der Bürgermeister. Der Slam geht erst um 14 Uhr los. In den letzten Jahren, war aber vor 15 Uhr keiner zum Zuschauen da!” waren so Sätze aus Reihen der Organisatoren, die einen schlagartig ein Paddel in die Hand wünschen ließen um damit Schlag artig auf die entsprechende Person einzupaddeln.
Aus dem Slam wurde eine Leseshow und während meines Textes gingen drei, der zu diesem Zeitpunkt sechs anwesenden Zuschauer. Wahrscheinlich, weil die Disneytime auf RTL2 begann. Wenigstens einer blieb – der Regen! Und so fuhren wir in eben jenem gen Crailsheim, wo wir erst im Hotel eincheckten, dann in einem schwäbischen Gasthaus etwas aßen (Hanz: “Haben sie auch spanische Weine?” Wirt: “Nein, ich bin Deutscher, ich habe nur deutsche Weine!”) und schließlich unsere Bühne fanden, die nicht nur recht groß, sondern auch mit vielen Zuschauern gesegnet war, welche sich das gerade stattfindenden Programm (zwei “Komiker” mit Witzefaktor -5 auf der nach unten offenen “Fips Assmussen”-Skala) ansahen und bei Witzen lachten, für die Ingo Oschmann sich geschämt hätte.
Nachdem wir einen der Organisatoren gefunden hatten, geschah dann das Unerwartete – er sagte uns, dass DAS nicht unsere Bühne sei und führte uns stattdessen zu einer Kleinstbühne mit zwanzig Bierbänken davor, die komplett unbesetzt waren und auf einer Wiese standen, wo sich zwischen den Grashalmen die ersten Forellen paarten. Hatte ich erwähnt, dass es regnete?
Wunder, welche Wunder, waren bei Slambeginn dann aber doch viele Leute da und diese genossen die Show und hörten eine Menge guter Texte! Es ist kaum zu ahnen, wie der Tag verlaufen wäre, hätte man den unsäglichen Auftritt in Aalen weggelassen und wäre stattdessen in die Sauna gegangen, danach entspannt zur sonnenbeschienenen Hauptbühne in Crailsheim gegangen und hätte dort ein Slamfest gefeiert.
Die Gazetten der Stadt wären noch Wochenland voll davon gewesen.
Nachtrag (23.07.12): Hanz hat auf Facebook ganz richtig angemerkt, dass man diesem Artikel nach davon ausgehen könnte, dass auch der Slam in Crailsheim ein Reinfall war. Dem ist nicht so. Der Regen verzog sich zu Veranstaltungsbeginn tatsächlich und dem Soundchecktalent von Tobi Kunze war es unter Anderem zu verdanken, dass sich vor der Bühne zwischen 350 und 400 Menschen einfanden, die eine zweieinhalbstündige Show genießen durften, die tatsächlich ziemlich groß war und einen guten Einblick in die unterschiedlichen Gesichter eines Poetry Slam gab.
Großartig war der Moment, als ein Handy im Publikum klingelte und Hanz sich dieses aushändigen ließ. Andrea war dran, die Mama des Kindes, dem das Handy gehörte. Da sie etwas verwundert war, dass nicht ihre Tochter sondern ein Mann das Gespräch annahm, beruhigte sie Hanz mit den Sätzen “Keine Sorge, ich bin nicht der böse Mann…” und “Deiner Tochter geht es gut.” – dann legte sie auf. Ach ja, Obst und Gemüse flog auch durch die Luft, aber das ist eine andere Geschichte.
Gewonnen hat am Ende Philipp Ziem (der hoffentlich so geschrieben wird ohne h geschrieben, wie Hanz mir mitteilte).
Nachtrag 2: Der erste SPAM-Kommentar hierzu begann übrigens mit “your website is like an encyclopaedia for me, thanks“
